Historisches Sachsen
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Schlössersterben

Sind unsere sächsischen Schlösser noch zu retten?

"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Diese im Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes stehende Verpflichtung, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Grundlage des Aufschwungs in Deutschland war, wird heute gerade bei den weniger bekannten Schlössern oftmals vergessen. Auch wenn sich der Freistaat Sachsen gerne als "Schlösserland" bezeichnet, ist nicht zu übersehen, dass zahlreiche historisch wertvolle Bauwerke in den letzten Jahren dem Kulturstaat Sachsen mehr und mehr verloren gingen und auch heute noch verloren gehen.
Nach der Wende glaubte man, dass privates Engagement viele der ruinösen Schlösser retten könnte. Auch ist mit Fördermitteln schon eine Menge erreicht worden. Langfristig ist es aber kaum möglich, die Schlösser allein durch Fördermittel und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu unterhalten. Zwar werden die "Perlen" durch die "Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten in Sachsen" - einem Staatsbetrieb im Geschäftsbereich des Sächsischen Staatsministeriums der Finanzen - liebevoll gepflegt, unterhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, jedoch verfallen zahlreiche sich im privaten Besitz oder im kommunalem Eigentum stehenden Gebäude zusehends.
Die Ursachen sind vielfältig und beginnen schon bei der Bodenreform nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zu dieser Zeit wurden die ehemaligen Eigentümer enteignet. Die landwirtschaftlichen Güter, aus denen einst der Unterhalt für die Schlösser und Herrenhäuser erwirtschaftet wurde, wurden zerstückelt und den landarmen Bauern übergeben, während die Gebäude selbst an die Gemeinden fielen und dort einer häufig zweckentfremdeten Nutzung als Altenheim, Schule, Kindergarten oder Verkaufsstelle dienten. Auch wenn der Umgang mit den Gebäuden kaum ihrer kultur-historischen Bedeutung entsprach, wurden durch die Verwaltungen doch wenigstens die wichtigsten Reparaturen vorgenommen, die so zum Erhalt der Schlossbauten beitrugen.
Diese Teilung zwischen Grund und Boden einerseits sowie den Gebäuden andererseits blieb auch nach der politischen Wende in der DDR erhalten, so dass die neuen Eigentümer heute kaum mehr auf die wirtschaftliche Existenzgrundlage der ehemaligen meist umfangreichen landwirtschaftlichen Güter zurückgreifen können und die Finanzierung aus anderen Quellen bestreiten müssen. Dass die Restaurierung und der Unterhalt solcher Objekte enorme finanzielle Ressourcen verschlingen, erkennen manche Neueigentümer leider erst zu spät.
Ein ähnliches Schicksal erfahren auch die Gebäude, die sich im kommunalem Besitz befinden. Welch knappe Haushaltssituation in den meisten Städten und Gemeinden herrscht, ist weitläufig bekannt. Für die kostspielige Sanierung bleiben keine oder nur geringen Mittel übrig, die oftmals noch nicht einmal für die dringendsten Reparaturen und Sicherungsmaßnahmen reichen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Städte und Gemeinden bestrebt sind, diese ungeliebten - weil im Unterhalt teuren - Bauwerke zu verkaufen.
Häufig wurden Objekte nach der politischen Wende aber auch für eine symbolische Mark vorschnell an Interessenten veräußert, sofern diese ein mehr oder weniger tragfähiges Konzept vorlegten. Die Umsetzung dieser Konzepte ist in der Folgezeit kaum überprüft worden. Ob es sich bei den Käufern um Grundstücksspekulanten handelt oder die Neueigentümer lediglich die zu erbringenden Investitionen unterschätzt haben, kann nur gemutmaßt werden. Gelegentlich kann man sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass baufällige Schlösser nur erworben wurden, um auf die Grundstücke zurückgreifen zu können, auf denen diese Gebäude stehen. Das Schloss selbst war nur ein Beiwerk, für welches der Neueigentümer kaum Interesse zeigte.

Was persönliches oder gesellschaftliches Engagement jedoch bewirken können, sieht man anschaulich an einigen liebevoll restaurierten Bauwerken, von denen beispielhaft die Schlösser Proschwitz und Großenhain genannt werden sollen.
Bereits Anfang der 90er Jahre kaufte Prinz zur Lippe den ehemaligen Familienbesitz Stück für Stück zurück und machte Proschwitz zu einem sehenswerten Weingut, in dem das Schloss als Mittelpunkt eine nicht nur regionale Bedeutung erlangt hat.
Schloss Großenhain, dass jahrzehntelang als Fabrik missbraucht wurde, ist ausgehend von der 3. Sächsischen Landesgartenschau im Jahr 2002 zwischenzeitlich zu einem über die Grenzen des Kreises hinaus bekannten Kulturzentrum geworden.

Natürlich ist es illusorisch zu glauben, alle gefährdeten Objekte retten zu können. Die finanziellen Mittel sind knapp und die Gebäude entsprechen aus heutiger Sicht nicht mehr den veränderten Wohnbedürfnissen. Auch wird es kaum möglich sein, alle Häuser als Museum, Hotel oder Restaurant der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Daneben sind manche Bauwerke bereits so verfallen, dass eine sachgerechte Sanierung schlicht am erforderlichen Aufwand scheitert. Insbesondere in abgelegenen Gegenden wird man zudem selten eine sinnvolle Nutzung für unverhältnismäßig große Objekte finden können.
Das Schlössersterben geht also weiter. Es vollzieht sich gegenwärtig noch nicht im Lichte der Öffentlichkeit, sondern meist still und leise. Man kann wohl davon ausgehen, dass für 20 Prozent aller Schlösser und Herrenhäuser jegliche Hilfe zu spät kommt.
Mancherorts hat man jedoch die Probleme erkannt. In verschiedenen Städten und Gemeinden regt sich Widerstand. Bürgerinitiativen, die sich nicht mit den Zuständen abgeben wollen, wurden gegründet und versuchen mit mehr oder weniger Erfolg dagegen anzugehen oder wenigstens Aufmerksamkeit zu erwecken. Aber auch ihnen fehlt zuweilen das Geld.
Sicher sind Gebäude auch nicht für die Ewigkeit gemacht. Schon immer hat es Veränderungen, Abrisse und Neubauten gegeben. Dennoch sollte aber eine Gesellschaft wie die unsere in der Lage sein, wichtige Kulturgüter sorgsamer zu behandeln und den besonders wertvollen eine Chance zu geben. Ein wenig Engagement von jedem Einzelnen ist eine gute Grundlage.

Historisches Sachsen - Das Portal für die Schlösser, Burgen und historischen Ruinen im Freistaat Sachsen - © by Heyko Dehn - www.historisches-sachsen.net

 
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