Im Süden der Messestadt Leipzig, wo einst die Braunkohlenindustrie das Landschaftsbild formte, beginnt die heutige Tour. Burgen, Schlösser und Herrenhäuser bestimmen auch hier die Architektur der vergangenen Jahrhunderte. Doch die ersten Bauten stammen bereits aus dem 10. Jahrhundert. So wartet die Wiprechtsburg in Groitzsch als ältester Steinbau Nordwestsachsens mit seiner Rundkapelle und Resten eines Wohnturms auf die Besucher.
Barockschloss Wiederau
Die Tour beginnen wir am Barockschloss Wiederau, das durch die Bachkantate "Angenehmes Wiederau, freue dich in deinen Auen" Bekanntheit erlangte. Wiederau, erstmals 1080 als Widerhowe genannt, war ursprünglich eine slawische Siedlung, die sich später zum Straßendorf erweiterte. Grundlage der ersten Ansiedlung war der fruchtbare Auerand der Weißen Elster südwestlich von Leipzig.
Die Geschichte des heutigen Schlosses beginnt jedoch zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nach dem Brand des alten Gutshauses 1614 wurde im Jahre 1705 durch Johann Gregor Fuchs - 1696 bis 1715 Ratsbaumeister in Leipzig - das Barockschloss Wiederau im Auftrage des Leipziger Handelsherrn David von Fletscher erbaut. Das Schloss ist ein dreigeschossiger Rechteckbau mit Mansarden-Walmdach und zwei leicht hervortretenden Flügeln an der Nordseite. Das Eingangsportal befindet sich im Mittelrisalit, der durch einen rundbogigen Uhrturm bekrönt wird. Zum Portal führt eine Freitreppe.
Die Ausgestaltung des Wiederauer Schlosses wird dem bekannten italienischen Maler Giovanni Francesco Marchini und einem Stuckateur aus Mailand zugeschrieben. Die vielfältig gegliederten und kostbar verzierten Wände des über zwei Geschosse reichenden Festsaales zeigen Szenen aus der antiken Mythologie. Raumbeherrschend ist das monumentale Deckengemälde, das den Blick über perspektivisch verkürzte Säulen nach oben lenkt. Frauenfiguren, die für die göttliche Weisheit und die menschliche Tugend stehen, umgeben eine Himmelslandschaft. In seiner Gesamtheit ist der Festsaal mit seinen Stuckdekorationen, Wand- und Deckenmalereien besonders wertvoll und wohl einzigartig in Sachsen.
Bekannt geworden ist Wiederau auch durch die Musik. 1737 erklang anlässlich der Huldigungsfeier für Johann Christian von Hennicke, einem Günstling am Dresdner Hofe, der das Schloss Wiederau 1737 erworben und umfangreiche Baumaßnahmen veranlasst hatte, Johann Sebastian Bachs Kantate "Angenehmes Wiederau, freue dich in deinen Auen".
Die Nebengebäude von Schloss Wiederau stellte in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts der damalige Besitzer, Konrad von Holleuffer-Kypke, selbst seit 1926 KPD-Mitglied, der Arbeiterjugend von Leipzig und Umgebung zur Verfügung. Doch die Bodenreform am Ende des 2. Weltkriegs konnte auch der "rote Baron" nicht verhindern.
Nach dem Krieg zogen Vertriebene in das Schloss ein. Später diente das Gebäude als Gemeindeverwaltung und Kindergarten. Für den Abriss zu Gunsten des Braunkohletagebaus vorgesehen, wurde das Gebäude 1975 leergeräumt. Das Ende der DDR verhinderte das Ansinnen. Zwischenzeitlich setzte man den vernachlässigten Bau wieder instand. Das Schloss, heute vollkommen restauriert, soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Pleißenburg Leipzig
Vom Barockschloss Wiederau führt die Bundesstraße 2 in das Stadtzentrum von Leipzig und damit zur nächsten Sehenswürdigkeit der Region: das Neue Rathaus. Parkplätze sind in der Stadt rar. Die größten Chancen auf einen freien Parkplatz hat man südlich des Stadtringes, etwa am Floßplatz. Von hier sind es nur ein paar hundert Meter bis zum Zentrum.
Im Zentrum von Leipzig befindet sich das in seiner Monomentalität wohl einmalige Neue Rathaus, das sich aus der ehemaligen Pleißenburg entwickelte. Das "Schloss an der Pleiße", wie der Vorgängerbau des Neuen Rathauses in den Bauakten des 16. Jahrhunderts genannt wurde, ist der letzte Rest einer ehemals drei Burgen umfassenden Befestigung der Stadt, die vom Westen her bereits durch die alte Leipziger Burg und von Osten durch die 1180 erbaute markgräfliche Burg des Stadtvogtes gesichert war.
Wer sich von Süd-Westen dem Stadtzentrum Leipzigs nähert, trifft unvermittelt auf die Krone der Stadt: das Neue Rathaus. Der 1899-1905 durch Hugo Licht errichtet Bau ersetzte die 1897 abgebrochene Pleißenburg aus dem 13. bis 16. Jahrhundert. Von der ehemaligen Zwingburg blieb nur der Turm erhalten, den man auf über 100 Meter erhöhte. Um den Turm platzieren sich vielfältig gegliederte Gebäudegruppen. Hugo Licht, Leipzigs führender Architekt, vollbrachte hier seine reifste Leistung. Das Neue Rathaus aus mainfränkischem Muschelkalk beinhaltet Elemente der Renaissance, des Barocks und des Jugendstils. Zum Hauptportal des Neuen Rathauses führt eine Freitreppe, flankiert von zwei auf Pfeilern sitzenden Löwen.
Die Pleißenburg entstand ab 1217 unter Markgraf Dietrich den Bedrängten. Der stets auf den Ausbau seiner Landesherrschaft bedachte Wettiner reagierte damit auf die Aufstände der Leipziger Bürger und vervollständigte mit einer weiteren Burg die Umklammerung der Stadt. Während alle anderen Anlagen noch in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts aufgegeben wurden, baute man die Pleißenburg zur landesherrlichen Stadtburg und zum Sitz eines Vogtes aus. Dabei bezog man sie in die neue Stadtmauer ein.
Mit dem Schloss stehen eine Reihe geschichtlicher Gegebenheiten in Verbindung. "Hier wurden mehrere wichtige Landtage gehalten. … Hier vermählte sich die Schwester Ludwig IV. von Thüringen mit Peppo von Henneberg, hier theilte dessen Sohn Heinrich der Erlauchte seine Länder und hier erfolgte im Jahre 1485 auch die Theilung der von Kurfürst Ernst und dem Herzog Albrecht ererbten Besitzungen.
Hier hielten vom 28. Juni bis 16. Juli 1519 in der sogenannten grossen Hofstube Dr. Luther und Karlstadt mit dem Dr. Eck jene bedeutende und die Begründung der evangelischen Lehre wirksam befördernde Disputation, welche statt Luthern, wie es sein Gegner verkündet hatte, zum Schweigen zu bringen, die Wahrheit seiner Lehrsätze nur um desto siegreicher bewährte. Hier predigte Luther im Jahre 1519 vor seinen eifrigsten Widersachern dem Herzog Georg dem Bärtigen und zwanzig Jahre später vor einem seinen innigsten Verehrer und Freunde, dem Herzog Heinrich dem Frommen."
Im Schmalkaldischen Krieg belagerte Kurfürst Johann Friedrich 1547 Leipzig und beschädigte die Pleißenburg schwer. Mit dem Wiederaufbau beauftragte man den Leipziger Baumeister und Ratsherr Hieronymus Lotter, der auch die Augustusburg errichtete. Es entstand ein Festungsbau mit einem dreieckigen Grundriss. An der südwestlichen Ecke befand sich der 52 Meter hohe Turm.
In den folgenden Jahren nahmen verschiedene Feldherren Einfluss auf den Ausbau und die Instandhaltung der Anlage, bis diese schließlich Mitte des 18. Jahrhunderts ihre Bestimmung als Festung verlor und zunehmend zivilen Nutzungszwecken zugeführt wurde. So richtete man 1787 eine Sternwarte im Schlossturm ein und nutzte die Gebäude durch die Kunstakademie und die Universität. Mit dem Ankauf des Grundstücks durch die Stadt Leipzig 1895 stand dem Abbruch und dem Neubau des Neuen Rathauses nichts mehr im Wege.
Gohliser Schlösschen
Zum Abschluss des Tages fahren wir zu einem Schloss, das sich wesentlich von dem bisher gesehenen unterscheidet. Das Gohliser Schlösschen besticht durch seine filigrane Architektur und Detailgenauigkeit. Längst sind die Zeiten vorbei, als im Sommer die Bürger Leipzigs in das ehemalige Dorf zogen und diesem das Aussehen einer Vorstadt verliehen. Heute ist das Gohliser Schlösschen, etwa zwei Kilometer nördlich des Stadtzentrums, umgeben von zahlreichen Wohn- und Geschäftshäusern, die es in seiner Höhe um einiges überragen.
1670 kaufte der kursächsische Leibarzt und Professor Dr. Michael Heinrich Horn das Anwesen. Nach dessen Tod gelangte das Gut in den Besitz seines Schwiegersohnes, den Rat Dr. Lüder-Menke. Um das Jahr 1750 gehörte Gohlis dem Kaufmann, Kammerrat und Ratsbaumeister zu Leipzig Johann Caspar Richter.
Der Kaufmann Johann Caspar Richter (1708-70) baute 1755-56 auf dem Grund zweier Bauerngüter das Schloss in der Leipziger Menckestraße 23 im Rokokostil als Sommersitz am Rande des Rosentals. Leipzig stand zu dieser Zeit auf seinem wirtschaftlichen Höhepunkt. So investierten die Leipziger Kaufleute nicht mehr nur in ihre Unternehmen, sondern finanzierten auch prächtige Palais und selbst öffentliche Bauten, wie die Leipziger Börse. Zahlreiche barocke Gärten mit ihren Lusthäusern entstanden rund um die mittelalterlichen Befestigungsanlagen. Sie dienten den Vergnügungen und Kunstsammlungen der Handelsherren und orientierten sich in ihrer Gestaltung an den fürstlichen Anlagen dieser Zeit. Die Gärten sind im 19. Jahrhundert - bis auf das Gohliser Schlösschen - jedoch wieder verschwunden.
Auch Johann Caspar Richter ließ auf seinem Gohliser Besitz ein neues Herrenhaus errichten und den Garten verändern. Es entstand ein bürgerlicher Landsitz, der sowohl große Schlossanlagen (Jagdschloss Hubertusburg) als auch Elemente französischer "Maison de plaisance" zum Vorbild hatte. Doch das Schloss musste im Innenausbau unvollendet bleiben. Preußische Truppen besetzten im Siebenjährigen Krieg auch Leipzig. Den Bauherrn verpflichteten sie mit anderen wohlhabenden Bürgern der Stadt zu Kontributionszahlungen an Preußen.
Nach dem Tode Richters heiratete Johann Gottlob Böhme, ein Leipziger Geschichtsprofessor, 1771 dessen Witwe und gelangte so in den Besitz des Schlösschens. Er ließ auch die aus finanziellen Gründen unvollendete Innenausstattung fertig stellen und stattete den Landsitz wohnlich aus. Böhme veranlasste u.a. die Ausmalung des Festsaals durch Adam Friedrich Oeser und brachte eine ansehnliche Bibliothek mit 455 Bänden und eine Sammlung von insgesamt 1074 Kupferstichen und 232 Gemälden in das Schlösschen, von denen heute jedoch nur noch wenige Teile vorhanden sind. Darüber hinaus machte er sich um die Entwicklung des Ortes verdient, ließ die Dorfstraße pflastern, Lindenalleen anlegen und einen Betsaal errichten.
Mit dem Tod Böhmes erbte der Hof- und Justizrat Johann Hieronymus Hetzer das Gut bis es 1793 durch Testament an die Stadt Leipzig übereignet wurde. Die Stadt verkaufte Inventar und Teile der Kunstsammlung und übergab die Bibliothek an die Stadtbibliothek Leipzig.
1832 veräußerte die Stadt das Schloss für einen "mäßigen Preis" an die Familie des Domherrn Karl Wilhelm Rudolf von Alvensleben. In der Folgezeit wechselten mehrfach die Besitzer, bis die Stadt Leipzig das Schloss 1904 erneut erwarb. Nach einer Sanierung und einem teilweisen Umbau eröffnete das Gohliser Schlösschen 1934 als "Haus der Kultur". Im Jahr 1950 nahm das Bach-Archiv seinen Sitz in Teilen des Gebäudes. Nach der Jahrtausendwende führte die finanzielle Lage der Stadt Leipzig zur Schließung des Gohliser Schlösschens, doch der Freundeskreis "Gohliser Schlösschen" e.V. führte den Veranstaltungsbetrieb weiter fort. Heute beherbergt das Gohliser Schlösschen Ausstellungs- und Veranstaltungsräume sowie ein Café.
Das Gebäude ist zur Gartenseite hin zwei- ansonsten eingeschossig. Die leicht vorgezogene Mitte wird von einem Dach und einem Turm mit Zwiebelhaube bekrönt. Der Rokokogiebel der Vorderseite ist mit reicher Rocailleornamentik verziert. Eine Treppe fehlt dem Gebäude. Der Eingang von der Parkseite liegt hinter einem Brunnen im Zentrum des symmetrischen Gartens. Zwei Flügel begrenzen beidseitig den Hauptbau.
Im Innern beeindrucken der Mittelsalon und der im oberen Geschoss befindliche Festsaal. Der Festsaal, der aufgrund eines Deckengemäldes von Adam Friedrich Oeser auch den Namen Oesersaal trägt, wurde nach 1770 im frühklassizistischen Stil eingerichtet. Sein allegorischesPlafondgemälde stellt den Lebensweg der Psyche dar. Die Wandflächen sind mit illusionistisch gemalten Landschaften versehen. Nach einer Restaurierung in den Jahren 1978-81 steht der Festsaal für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung. Neben Kammerkonzerten, Lesungen, Theater- und Ballettinszenierungen sollen auch Ausstellungen und Führungen in das Schloss einladen. Der Mittelsalon besitzt Kamine, Paneelen und Türen aus der Erbauungszeit von 1756. Seine Wandflächen waren bis 1793 mit "128 Kupferstichen unter Glas" behängt.